Google StreetView: Kampf der Kulturen

Falls es der eine oder andere noch nicht gehört haben sollte: Google StreetView ist heute online gegangen. Natürlich erhitzen sich mal wieder die Gemüter über die Verpixelung, die Google - nach anhaltenden Protesten - jedem Hausbewohner zugesteht, der Einspruch einlegt.

In der Netzgemeinde scheint es allerdings einige Leute zu geben, die nichts davon halten, Hausbewohnern dieses Recht zuzugestehen. Es gibt derzeit dutzende Blogeinträge, in denen über die Verpixelung gemeckert wird. Schlimmer noch: Es gibt sogar eine Aktion, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle verschleierten Häuser zu fotografieren und - aus Trotz - sichtbar ins Netz zu stellen. Das traurigste für mich ist jedoch, dass selbst Piraten an der Aktion teilnehmen!

Inzwischen muss ich leider davon ausgehen, dass die Leute, die sich an solchen Nachfotografierprojekten beteiligen, absolut narzisstisch sein müssen. Die Devise lautet bei diesen Menschen: "Du willst zwar nicht, aber mir ist scheißegal, was du willst, solange ich nämlich darf!". Diese Leute verstecken sich dann z.B. dahinter, dass die geschossenen Fotos durch die Panoramafreiheit gedeckt seien. Dass diese jedoch primär den Ersteller vor Urheberrechtsverletzungen schützen soll, wird dabei geflissentlich ignoriert.
Wer sich dahinter versteckt, dass die neuerliche Aufnahme der Gebäude - trotz Widerwillen der Einwohner - ja gesetzlich gesichert sei, der darf sich dann auch nicht ärgern, dass das "Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen" der Politik immernoch gesetzlich zusichert, das Internet in Deutschland zensieren zu dürfen.

Desweiteren geistert derzeit noch das Gegenbeispiel sightwalk durch's Netz mit der Aussage "Die haben das auch - und zwar unverpixelt!". Ja super! Weil die einen etwas machen, dürfen die anderen auch? Wer sightwalk zudem als Konkurrenz für Google StreetView ansieht, der hat das Tool wahrscheinlich noch nie genutzt, sondern einfach nur den Namen irgendwo aufgeschnappt. Denn das, was sightwalk anbietet, ist nicht mal ein Bruchteil der Bilder, die Google nun permanent vorhalten wird. Natürlich sollte ein Widerspruch auch bei sightwalk möglich sein - aber den einen Anbieter durch den anderen Anbieter zu bekräftigen, das ist doch einfach nur an den Haaren herbeigezogen. Wenn man so tief sinkt, kann man auch den einen Abmahnanwalt schützen, weil es noch zehn andere gibt, die das genauso machen.

Und abschließend habe ich heute das Argument gehört, dass die ganze Panik ja nur durch die Mainstreampresse geschürt worden sei und es deshalb nicht angebracht wäre, auf die Leute zu hören, die ihr Haus verpixeln lassen möchten. Soll ich bei solch einer Aussage lachen oder weinen - besonders, wenn sie von einem Piraten stammt? Wie soll das denn später ablaufen, wenn man die Bürger aktiv in den politischen Prozess mit einbindet? Sollen Abstimmungen dann als ungültig erklärt werden, weil die Presse Stimmung gemacht hat? Soll man dann so lange wählen, bis man das gewünschte Ergebnis erhält? Ist das die Form, in der die Piraten den Bürger in die Politik einbinden wollen?
Im Gegenteil! Die Piraten sollten sich freuen, dass die Bürger endlich mal wieder zeigen, dass ihnen etwas an ihrer Privatsphäre liegt! Anstatt den Bürgern, die Einspruch eingelegt haben, das Schimpfwort "Internetausdrucker" an den Kopf zu knallen, sollten die Piraten die Ängste der Bürger ernst nehmen - stattdessen wird gemeckert, weil die Welt wegen der Verpixelung über Deutschland lacht. Leute! Hier haben über 200.000 Haushalte gezeigt, dass ihren Bewohnern die persönliche Privatsphäre nicht völlig egal ist - und darunter sind (das habe ich an meinem alten mannheimer Wohnviertel gesehen) auch viele ältere Leute, also Leute, die bisher nun wirklich nicht zur Zielgruppe der Piratenpartei zählen...
Unverpixelte Grüße, Kenny