Apple und das iPhone 5 – einiges falsch, vieles richtig

Vorletzte Woche hat Apple das neue iPhone 5 vorgestellt. Es wurde im Vorfeld wieder viel spekuliert, es wurden wieder viele Fotos von angeblichen Prototypen im Internet verbreitet und dieses Mal waren sie sehr nah an der Realität dran. Größeres Display, flacheres Gehäuse, Rückseite nur noch teilweise aus Glas, ein neuer Dock-Connector. Das eigentliche Grunddesign entspricht weiterhin dem des iPhone 4. Einige Leute waren enttäuscht. Man hatte erwartet, dass die Prototypen nur Fakes seien und Apple mit einem völlig neuen Design aufwarten würde. Vielleicht rahmenlos. Vielleicht was völlig neues. Auch mit iOS 6 sind nicht alle so wirklich glücklich. Ich habe nun ein bisschen über das gesamte Thema nachgedacht, bevor ich mir eine schlussendliche Meinung gebildet habe...

Ich fange mal mit dem - aus meiner Sicht - negativen an. Da wäre zum einen das Grunddesign selbst. Ich gebe zu, ich mag das Design des iPhone 4. Ich habe mich damals sehr gefreut, als das iPhone 4S mit dem gleichen Design aufwartete. Viele Leute mögen das Design und kaufen auch das iPhone 5, obwohl es weiterhin die gleichen Designmerkmale hat. Auf der einen Seite ist das für Apple gut, sie sparen Designkosten, Prototypkosten und haben zudem das Feedback, dass die Leute die Hardware auch dann kaufen, wenn sie sich nicht massiv vom Vorgänger unterscheidet. Hier kommt aber auch ein massiver Nachteil: Apple hat ein Problem damit, seine Modelle optisch zu unterscheiden. Beim iPhone 4S war schon die Diskussion, dass niemand erkennt, was ein iPhone 4 und was ein iPhone 4S ist. Nur Siri war hier ein totsicheres Unterscheidungsmerkmal. Apple musste (abgesehen von den Abmaßen) etwas finden, um eine Unterscheidung zu ermöglichen. Die haben sie beim schwarzen iPhone - die anodizierten Ränder und den anodizierten Rücken. Während ich denke, dass der Aluminiumrücken auch praktische Aufgaben hat, ist die Farbänderung der Ränder ein rein optisches Gimmick. Ich denke, auch, um das iPhone 5 von seinen Vorgängern zu unterscheiden. Leider hat Apple hier einen großen Fehler gemacht - die Fertigungsqualität ist zu schlecht. Es gibt einige Telefone mit Kratzern. Bei einem Produkt, das fast 700€ in der kleinsten Ausführung kostet, ist das nicht hinnehmbar. Nicht bei einem Premiumprodukt.
Ich persönlich denke auch, dass Apple inzwischen seiner Designroadmap hinterher hinkt. Eine Änderung am iPhone, wie sie nun vollzogen wurde, wurde bereits für letztes Jahr vorhergesagt. Trotzdem kam stattdessen ein aufgerüstetes iPhone 4S mit alten Ausmaßen auf den Markt. Ich denke inzwischen, dass Apple damals einfach Hitzeprobleme nicht unter Kontrolle bekam und deshalb lieber auf Nummer sicher ging und einen Hybriden (neuere Hardware, altes Design) als Backup vorstellte. Bereits einige Leute haben gesagt, dass das neue iPhone sehr leicht und sehr dünn ist - vielleicht war die Technik letztes Jahr einfach noch nicht reif.

Leider hat Apple auch mit iOS 6 nicht ins Schwarze getroffen. Der neue App Store soll verbuggt sein und die neue Maps App ist ein ganz spezielles Thema für sich. Ein nicht funktionierender App Store ist das schlimmste, was Apple passieren kann. Er ist das Herzstück ihres iOS-Ökosystems. Wenn der Store nicht ordentlich funktioniert, geben die Leute kein Geld aus. Geben die Leute kein Geld aus, ist iOS unattraktiv. Ist iOS unattraktiv, verliert zum Schluss Apple. Hier muss schleunigst nachgebessert werden.
Die Maps App ist ein Thema für sich. Ja, Apple hat derzeit massive Probleme mit der Akzeptanz, vor allem durch die schlechten Karteninhalte und Metainformationen. Leider wird Apple hier nicht alleine ihre neue Strategie zum Erfolg führen können. Das bisher von Google kommende Maps strotzt nur so vor User-Generated-Content. Points-of-Interests, Bewertungen, Korrekturen. All das fehlt Apple Maps derzeit ohne Ende. Google hat bei Google Streetview viele Straßen mit dem Auto abgefahren. Geotracking dieser Karten war ohne Frage notwendig. Mit diesen Daten konnten sie sicherlich auch ihre Straßendaten massiv verbessern und korrigieren. Damit Apple Maps mindestens genauso gut wird, sind jetzt die Nutzer gefragt. Werden sie sich auf das Spiel einlassen? Probleme melden? POIs eintragen? Bewertungen schreiben? Oder werden sie auf eine Google Maps App warten und Apple Maps nur im Notfall nutzen? Wenn Apple DAS schafft (z.B. mit Incentives) und die Daten an die originären Projekte (z.B. OpenStreetMap) zurückführt, würde das schlussendlich allen helfen. Man darf also gespannt sein, wie erfolgreich hier sein wird.

Kommen wir zum positiven. Die Größenänderung. Die Leute sind begeistert. Es ist schmal, nicht ZU groß und unglaublich leicht. Das iPhone ist größer geworden, ohne damit die Entwickler vor große Probleme zu stellen. Durch die einfache Verlängerung des Displays ist DPI-Zahl ist gleich geblieben. Das spart Arbeitsaufwand beim Migrieren der Anwendungen. Und es hat den charmanten Vorteil, dass es beim schwarzen iPhone bei Fullscreen-Apps nicht mal auffällt. Der überschüssige Platz wird einfach mit schwarzen Rändern gefüllt. Spannend wäre es, zu sehen, wie uralte Apps nun aussehen. Diese würden ja erstmal auf die vierfache Größe skaliert und dann im Letterbox-Mode (mit schwarzen Streifen) angezeigt werden. In meinen Augen ist diese sanfte Form der Weiterentwicklung ein absolutes Plus der iOS-Plattform.

Der letzte Punkt sind eigentlich viele Punkte ineinander verwoben. Man kann sie jedoch nicht trennen, da sie unweigerlich zusammengehören. Apple schafft mit dem iPhone 5 (und iOS 6) weiterhin, den schmalen Grad zu gehen zwischen konsequenter Weiterentwicklung und Featuritis. In Diskussionen hört man immer, wie überlegen Android bei den Features ist - LTE gibt es schon lange, kontaktloses Laden auch, größere Bildschirme sowieso. Das mag stimmen. Jedoch machen diese Feature noch keine guten Produkte aus. Was bringt einem LTE, wenn der Akku zu schnell leer ist? Was bringt einem kontaktloses Laden, wenn das Handy dadurch dicker wird? Was bringt einem ein größerer Bildschirm, wenn damit alle Apps scheiße aussehen? Gar nichts! In einem Ökosystem, in dem die meisten Apps kostenlos genutzt werden, mag das das nicht stören. In einem Ökosystem, in dem die Hardware nach spätestens 6 Monaten veraltet ist, mag das egal sein. Im Apple-Ökosystem ist das jedoch anders. Dort wird für Apps bezahlt. Dort nutzt man seine Hardware in der Regel >= 2 Jahre. Dort muss man mit dem, was man für viel Geld gekauft hat, zufrieden sein. Und viele sind es auch.
Natürlich, man darf nicht erwarten, dass weiterhin im Jahrestakt die neuen Überfeatures kommen. Apple ist an einem Punkt angekommen, an dem die wichtigsten Features etabliert sind. Nun heißt es, das Paket abzurunden. Diesen Schritt gehen sie mit vielen kleinen Punkten im System an. Dieser ständige Prozess wird aber noch eine ganze Weile laufen. Ich hoffe, dass Apple diesen vitalen Prozess durchzieht. Dann werden ihnen die wiederkehrenden Käufe sicher sein.
Appleige Grüße, Kenny