Wer bremst, verliert (Rabatte).

Eigentlich könnte man meinen, dass Unternehmen von den Snowden-Veröffentlichungen und den Reaktionen der Bürger auf diese unverhältnismäßigen Datensammlungen lernen würden. Nehmen wir beispielsweise Apple, die in Präsentationen immer häufiger hervorheben, wie und wo sichergestellt wird, dass persönliche Daten nicht zentral zuordenbar erfasst und gespeichert werden. Sie haben verstanden, dass die Kunden nicht überwacht werden wollen.

Ganz anders hingegen sieht das bei den deutschen Autoversicherungen aus: Sowohl die Sparkasse, die HUK Coburg als auch die Allianz beginnen damit, sogenannte Telematik-Tarife einzuführen. Dabei geht es darum, die Fahrweise und die Fahrgewohnheiten der Versicherten zu sammeln, auszuwerten und sie bei positivem Verhalten mit Rabatten zu belohnen.
Der ein oder andere scheint solch einem Modell etwas Gutes abgewinnen zu können - der Gesamtschaden für die Bevölkerung wird jedoch immens sein, wenn diesem Unsinn nicht durch Konsumentenverweigerung Einhalt geboten wird.

Die Telematik-Tarife funktionieren so, dass in die Autos der Versicherten kleine Blackboxen eingebaut werden - je nach Anbieter sammeln diese dann Informationen wie die Stärke von Beschleunigungs- und Abbremsmanövern, die Geschwindigkeit, die Uhrzeit und gar die genaue Fahrzeugposition. Daraus wird ermittelt, wie "sicher" die Versicherten unterwegs sind. In diesem Bild hat die Sparkasse einmal aufgezeigt, wie die grobe Berechnung der Fahrsicherheit aussieht. Dabei wird unterschieden in:

  • starkes Beschleunigen oder Abbremsen
  • Geschwindigkeitsübertretungen
  • Nachtfahrten
  • Stadtfahrten

Für die Themen "Geschwindigkeitsübertretungen" und "Stadtfahrten" muss definitiv die Position des Fahrzeuges bekannt sein (sprich: es muss ein aktives GPS-Tracking des Fahrzeuges stattfinden). Es ist schwer vorstellbar, dass Autofahrer tatsächlich ihr gesamtes Bewegungsprofil an ihre Versicherer weitergeben möchten. Aber auch sonst sind die einzelnen Punkten mehr als bedenklich:

  • starkes Beschleunigen oder Abbremsen: Jemand, der viel auf Autobahnen unterwegs ist, wird unweigerlich häufiger beschleunigen und abbremsen müssen - allein schon beim Auffahren auf die Autobahn, beim Abfahren von der Autobahn, bei Tank- und Raststopps, etc.
  • Geschwindigkeitsübertretungen: Man sollte nach Möglichkeit in keiner Gegend mehr fahren, in der auch andere Autofahrer unterwegs sind, da man sich durch das strikte Halten an Tempolimits selbst in Gefahr bringt, durch riskante Überholmanöver anderer Verkehrsteilnehmer in einen Unfall verwickelt zu werden.
  • Nachtfahrten: Jeder, der im Schichtbetrieb arbeitet, wird Abzüge haben.
  • Stadtfahrten: Jeder Stadtbewohner oder Pendler wird Abzüge haben.

Es gibt zudem zwei Punkte, die besonders herauszustellen sind:

  1. Wenn eine versicherte Person wirklich daran interessiert ist, seine Rabatte zu behalten, wird es vorkommen, dass in Situationen nicht mehr stark gebremst wird, in denen dies möglicherweise einen Unfall verhindert hätte. Wieso sollte man das bei einem Telematik-Tarif auch tun? Die Notbremsung (und sowas kommt im Stadtverkehr durchaus häufiger vor) wird einem als schlechter Fahrstil angerechnet und wenn man damit einen Unfall verhindert, hat man nicht einmal einen Beweis, dass das Abbremsen eine positive Fahrerreaktion war. Es ist also anzunehmen, dass sich die Anzahl der Blechschäden erhöhen wird, da man es im Zweifelsfall evtl. eher mal "darauf ankommen lässt". Ganz nach dem Motto: Wer bremst, verliert (Rabatte).
  2. Daten, die gesammelt werden, wecken Begehrlichkeiten. Das gilt zum einen für die GPS-Position aller versicherten Fahrzeuge, das gilt aber auch im gleichen Maße für das Fahrverhalten eines Unfallbeteiligten. Diese Datensammlung könnte durchaus für die Polizei interessant werden, die bei einem unklaren Unfallhergang das typische Fahrverhalten nutzen könnte. Wer hat beispielsweise zuerst abgebremst? Hat einer der Beteiligten vielleicht gar nicht abgebremst und es war ein absichtlicher Unfall? Wie soll das davon unterschieden werden, dass der Unfall so unvorhersehbar war, dass einer der Unfallbeteiligten gar keine Zeit zum Reagieren hatte? Wer ist denn generell der schlechtere Fahrer und damit potentiell eher der Verursacher?

Verbraucher, die die neu entstehenden Telematik-Tarife akzeptieren, buchen und damit unterstützen, werden den Grundstein dafür legen, den Verkehr auf deutschen Straßen zu entsozialisieren. Die Gefahr besteht, dass mit der Durchsetzung dieser Tarife die einzelnen Fahrer nicht mehr darauf bedacht sein werden, möglichst sicher unterwegs zu sein, sondern möglichst kostengünstig. Deshalb: Nein zu Telematik-Tarifen!

Bremsende Grüße, Kenny

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